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  • AutorenbildVerena Schiegl

Der große Verlust der richtigen Worte, oder das ewige Glück?

Aktualisiert: 26. Juli 2023

Ich schrieb um mich selbst zu verstehen, um zu erkennen was ich dachte. Die Welt war und ist zu komplex für unschuldige Kinder.


Ich war dreizehn. Ein schwieriges Alter, sagten sie und doch kam ich bestens zurecht. Die Welt mag kompliziert, ungerecht und fantasielos sein, doch die Geschichten in meinem Kopf machten es mir leichter. Ich schrieb sie nieder und lernte mich selbst dadurch immer besser kennen. Wenn ich nicht wusste, was ich denken soll, schrieb ich es nieder und las danach meine Worte. Alles wurde klarer. Zu lesen, was ich schrieb und ja, ich weiß es hört sich eigenartig an, aber es half mir, mich selbst zu verstehen. Denn, wenn ich schreibe bin ich ein anderer Mensch. Gewissermaßen bin ich, ich. Immer. Aber wenn ich schreibe, fühle ich mich, als würde ich eine Brille aufsetzen, durch die ich die Welt so sehe, wie ich sie gerne sehen würde und nicht so wie sie ist. Sie wirkt detaillierter. Dieses Gefühl lässt sich gut anhand eines Blattes beschreiben.

Ein Blatt. Grün, vielleicht orange. Es hängt an einem Baum oder es liegt am Boden.

Wenn ich jedoch schreibe, sehe ich vor meinem geistigen Augen nicht nur ein Blatt. Ich sehe grün mit vielen Schattierungen und ich sehe die Fasern, welches das Blatt versorgen, sowie die Adern in einem Menschen. Ich sehe das Blatt nicht entweder auf dem Baum oder am Boden liegen. Ich höre wie es in der Luft hinabsegelt, sich dreht und einen Tanz mit dem Wind aufführt, bis es sich am Boden zur Ruhe legt. Sich verfärbt, austrocknet und zurück zum Beginn des Seins wechselt.


Eine sehr ausführliche Beschreibung wie unterschiedlich eine Person denken kann, sobald sich die Situation ändert. Wenn ich schrieb, schrieb ich nur selten über Happy Ends und das ewige Glück, denn ich glaubte nicht daran. Ich schrieb, wenn ich traurig war, mich nicht gut fühlte. Und ich war oft traurig und fühlte mich nicht gut, aber das ist eine andere Geschichte. So kam es, dass ich schrieb und schrieb und schrieb, bis meine Finger weh taten. Ich entfloh in Geschichten die grausamer, tragischer und schrecklicher waren, als mein eigenes Leben. Mein Leben war nie schrecklich, es gab nur Momente in denen ich mich so fühlte. Sobald ich aufhörte diese dramatischen Geschichten zu schreiben, fühlte sich mein Leben besser an. Ich erinnerte mich selbst daran, wie gut mein Leben war und wie glücklich ich sein kann in dieser Gesellschaft zu leben.

Doch sobald die Sonne unterging, verschwand auch die Hoffnung in mir und so schrieb ich.


Ich wurde älter, weiser und ja ich höre mich an, als wäre ich bereits 80 Jahre alt, doch so war es. Mit der ersten Liebe, kam der erste große Liebeskummer und mit der zweiten kam das Bewusstsein über das, was wirklich zählt. Es war kein Kummer über einen Jungen der mich plagte, es war der Kummer über mich selbst, der mir schlaflose Nächte bescherte.

Ich wusste, wenn ich wahrhaftig und ehrlich lieben möchte, muss ich lernen allein zu sein und mich selbst zu lieben. Ich entfloh in eine Geschichte, über die wahre Liebe. Ich wusste, dass es nur eine Geschichte war, aber für mich war es ein Buch zu mir selbst. Ich war allein und es war okay. Ich ging spazieren und war allein. Nachdem ich mich selbst anlächeln konnte, fasste ich den Entschluss, dass ich Alleinsein kann, es aber nicht möchte. Einer der besten Entschlüsse meines Lebens.

In dieser Zeit, in der ich im Einklang mit mir selbst lebte, verspürte ich nicht den Drang in eine meiner Geschichten zu entfliehen. Und dieses Gefühl sollte sich so bald auch nicht legen.

Als ich den Mann traf, der aus meinem Leben einen romantischen Liebesroman schrieb, brauchte ich die tragischen Geschichten nicht mehr, um mich besser zu fühlen. Ich musste vor niemandem mehr fliehen. Und als die Sonne unterging, ging mein Mond auf und hüllte mich in liebevolles Licht.

Deshalb schreibe ich nicht mehr.


Ich bin von Liebe umhüllt und vielleicht hat sich meine Einstellung zu Happy Ends und dem ewigen Glück verändert aber mir fehlen meine Worte. Deshalb lerne ich zu schreiben. Ich lerne meinen Gefühlen wieder Ausdruck zu verleihen, ohne das Gefühl weglaufen und mich verstecken zu müssen. Ich weiß nicht, wie lange ich brauche um schreiben zu können ohne mich von meinen alten, herzzerreißenden Gefühlen mitreißen zu lassen, aber ich denke die Einsicht über das was ich war und das was ich jetzt bin, ist der erste Schritt um meine Worte in meinem Glück wiederzufinden.















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